DAS GANZE(Textfassung der Art-Lecture DAS GANZE – ein Stück Dorothea Hofmann Das Werk ist die Partitur, der Interpret ist nur das Werkzeug der Realisation * Die Frage nach dem prinzipiellen musikalischen Wert und der Funktion des Interpreten ist nichts weniger als obsolet, sie hat vielmehr ihre Auswirkungen nicht nur auf die Realisation der Musik, sondern bis weit hinein in die Konzeption von Musik. * Das Werk ist die Partitur, der Interpret ist nur das Werkzeug Der lange währende und bis heute virulente Streit zwischen vorgeblich texttreuer und angeblich textfälschender, »anmutender« Interpretation ist ein Erbstück des 19. Jahrhunderts, des Jahrhunderts der Virtuosen, Denkmäler und Genies. Die Partitur aber ist die fixierte Idee, zum Schwarz auf Weiß kondensierter Gedanke, zur Materialität verdichteter und somit fassbar gewordener Klang, verfestigter, kristallisierter Moment des Möglichen. Die Niederschrift der Musik ist historisch entstanden aus der Nachschrift des Klingenden zur Gedächtnisstütze der Aufführenden – und hat sich zugleich seit ihren Anfängen gewandelt zur Vorschrift für erst nach der Niederschrift Erklingendes. * »Eine eventuell fälschende Ingerenz kann dabei das durch die Ausführung des Werkes ausgedrückte Gefühl des Virtuosen ausüben.« Roman Ingarden * Der Interpret ist Unsicherheitsfaktor, er ist Fehlerquelle, Hemmnis, ein der Realität verhafteter Träger körperlicher Unzulänglichkeiten. * »Man soll die Finger nicht verachten, sie geben uns viele Anregungen – und im Kontakt mit dem klingenden Instrument erwecken sie Ideen, die im Unterbewussten schlummern …« Igor Stravinsky * Der Interpret ist das Werk, Partituren sind nur Papier Der Gegenpol »der Interpret ist das Werk« bedeutet: die Partitur ist nur ein Vorschlag, ist im besten Falle Fragment – »der Interpret ist das Werk« besagt in Extremo: jede Aufführung ist neu, der musizierende Mensch ist eben nicht mehr Interpret fremder Gedanken, sondern spielt nur noch Eigenes, nur noch sich selbst. * Die Partitur und der Interpret bedürfen einander Potentialität und Aktualität sind ohne gegenseitige Durchdringung beides letztlich nicht lebensfähige Bruchstücke – erst im Miteinander ergänzen sie sich zum überlebensfähigen Ganzen. Die Kontroverse Partitur oder Interpret spiegelte das Entweder–Oder cartesianischen Weltverständnisses, doch gerade die Nichtvorhersagbarkeit komplexer Systeme – wie es der Mensch selbst ist – birgt in sich das größte Zukunftspotential, das sich denken lässt. * »Ich möchte dem Repertoire der kompositorischen Mittel jenen Reichtum beigefügt wissen, der sich durch die Psyche eines menschlichen Wesens anbietet – den Interpreten.« Witold Lutoslawski * Nicht die Festschreibung von Kunstwerken durch unverrückbares Kristallisieren ihrer Partituren zur Musealität – sondern erst der Einbezug des atmenden und »spielenden« Interpreten in seiner ganzen Unberechenbarkeit ermöglicht das Überleben als GANZES für eine und in einer sich wandelnden nicht planbaren, aber doch erhofften Zukunft. |